Archiv

Archive for the ‘einfach mal dahin gedacht’ Category

Recherche-Dokumentation

Er hat Recht. Ich hab lange gebraucht, um zu dieser Überzeugung zu kommen, aber er hat Recht: Michalis Pantelouris will bzw. wird bei Neon eine Reportage über einen Todesfall in Griechenland schreiben. Eine 26-jährige Berlinerin war in Athen ums Leben gekommen, die Polizei legte sich scheinbar recht schnell auf Selbstmord fest, was die Familie – die Pantelouris schließlich kontaktiert hat – jedoch bezweifelt. Und er wählt für diese Reportage eine interessante wie neue Darstellungsform: eine Recherche-Dokumentation, die während der Recherche tagesaktuell online veröffentlicht wird. Scheinbar weil er glaubt, dass es die richtige Art ist, mit diesem Thema umzugehen. Und weil er zu denken scheint, dass der Journalismus morgen transparenter sein muss, als er heute ist. Ich formuliere das mal so vorsichtig, weil ich Michalis Pantelouris nicht persönlich kenne, ab und an jedoch sein Blog lese und ihn bei einigen TV-Auftritten im Zuge der Griechenland-Krise gesehen habe.

Seine Beweggründe schildert Pantelouris ausführlich auf seinem Blog. Mein erster Gedanke, als ich bei Stefan Niggemeier von Pantelouris Vorhaben gelesen habe, war: „Hat der sie noch alle?“ Den Gedanken schienen auch viele Kommentatoren bei Neon.de gehabt zu haben, andere (gerade in den Kommentaren bei Stefan Niggemeier auf Pantelouris Blog selbst) waren zumindest skeptisch, insbesondere des Themas wegen: Darf man so über den Tod einer jungen Frau berichten? Als „Live-Reportage“? Nachdem ich mittlerweile viele Texte, Kommentare und insbesondere Pantelouris Stellungnahmen zu den gerade kritischen Kommentaren gelesen habe, denke ich: ja, man darf.

Den Namen „Live-Reportage“ würde ich allerdings nochmal überdenken. Das klingt tatsächlich ein wenig so, wie viele Kritiker es verstehen: ein Live-Stream, bei dem alles ungefiltert ins Netz gestellt wird, Menschen werden mit der Kamera (eventuell versteckt) konfrontiert – auch wenn es nicht so gemeint ist. Auch geht es nicht darum, möglichst spektakuläre Polizeifotos aufzutreiben und online zu stellen. Der Ausgangspunkt ist ein anderer, wie der Autor schreibt:

Denn in Wahrheit springt der Journalismus längst nicht mehr auf Fragen an, sondern nur noch auf Antworten. Um diese Geschichte zu schreiben, würde ich mich entscheiden müssen und Partei ergreifen, denn wie soll man sonst als Autor diese Geschichte vorschlagen?

Um dieses Partei ergreifen zu umgehen will Pantelouris mit möglichst vielen Menschen sprechen, die sich die Frage stellen oder gestellt haben, wie die 26-Jährige ums Leben gekommen ist. Er will nicht recherchieren, sich auf Basis der Recherchen ein Bild machen und dieses dann, in Artikelform gepresst, dem Leser präsentieren – er will recherchieren und die Recherchen selbst dem Leser zur Verfügung stellen, damit dieser sich sein eigenes Bild machen kann. Nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht habe scheint es mir sogar, dass dies die wahrscheinlich angemessenste Art ist, sich dieses Themas zu widmen, über das auch schon mehrfach berichtet wurde.

Allerdings scheint es mir auch, dass Pantelouris die Art der Berichterstattung dennoch überdenken sollte. Der bisherige Einstieg auf Neon. de

Eine 26jährige Berlinerin zieht nach Griechenland, um sich ihren Traum zu erfüllen und Sängerin zu werden. Und findet den Tod.

scheint mir doch ein wenig zu reißerisch und emotionalisierend. Wenn der Leser sich sein eigenes Bild machen soll, ist für mein Empfinden ein sachlicherer, dokumentierender Stil eher angebracht. Auf jeden Fall werde ich dieses „Experiment“, wie es vielerorts genannt wird, interessiert verfolgen.

Advertisements
Kategorien:einfach mal dahin gedacht Schlagwörter: